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16. Februar 2023
Redaktion
Orthesenversorgung

Fertigung einer USG-Sportorthese mit integrierter Fußbettung

Schon in jungen Jahren erlitt die hier vorgestellte Handballerin ein Supinationstrauma. Angesichts ihrer anhaltenden Beschwerden galt es, ein maßgefertigtes Hilfsmittel für die Sportlerin herzustellen, das die notwendige Stabilität für das Sprunggelenk bietet, die Fußachse in der Dynamik korrigiert und trotzdem weitgehend Belastungs- und Bewegungsfreiheit bietet.
Foto: Marc-André Villiger

Der Beitrag zeigt eine Versorgungslösung, die in konventioneller Bauart, ergänzt mit digitaler Technik, umgesetzt wurde. Bei der Anamnese wurden digitale Druckmessdaten und auch bild- wie auch videotechnische Aufnahmen erstellt. Das ermöglicht das Erfassen der Instabilitäten und der Funktionseinschränkungen in einer anschaulichen Art. Gerade im Sportbereich erweist sich dies als zuverlässiger Informationsträger, da die Instabilität eingegrenzt und in der Belastungsphase richtig erkannt wird. Die Gesamtheit der Informationen bilden die Grundlage, um das Versorgungskonzept festzulegen.

Für die Herstellung des Hilfsmittels benötigen wir Maßleisten, die wir in unserem Betrieb nach der Abformtechnik hergestellt haben: die Fußbettungsleisten mit Trittschaum, den Knöchelleisten mit Gipsbinden.

Wir befinden uns aktuell inmitten einer Veränderung unseres Handwerks. Schlussendlich ist es nicht entscheidend, ob wir für diesen Arbeitsschritt digitale Technik oder traditionelle Methoden anwenden, sondern dass wir die Form und Funktion der Leisten erkennen und integrieren.

 

Die Patientin

Die junge Handballerin hat sich vor sechs Jahren einen knöchernen Ausriss des Lig. Fibulotalare anterius links nach einem Supinationstrauma zugezogen. Ihr aktueller Zustand zeigt ein kleines Ossikel, bindegewebig verbunden, sowie eine Pseudoarthrose, die Epiphysenfuge ist noch offen. Der Fußtyp zeigt einen klassischen Hohlfuß mit leichter Varus-Stellung des Rückfußes beidseits. Ein operativer Eingriff wird aktuell nicht empfohlen, zu groß ist das Risiko, das Wachstum negativ zu beeinflussen.

Foto: Marc-André Villiger
5 – 7 Die in Abb. 3 und 4 gezeigte Konstruktion wird in einen Schaft aus atmungsaktivem Distanzgewirk und Kunstleder eingebaut; die Fußbettung wird eingelegt.

Die Verletzung ist nicht verheilt. Die Sportlerin wollte aber dennoch ihren Sport weitertreiben, den sie auf Leistungsniveau mit vier- bis fünfmal Training in der Woche ausübt. Sie spielt deshalb seit mehreren Jahren mit dem knöchernen Ausriss Handball und macht das, was man mit einer Sprunggelenk-Verletzung eigentlich nicht machen sollte: in Spitzfußstellung laufen und rennen sowie viele Richtungswechsel und Stemmschritte, die den äußeren Bandapparat belasten.

Es ist deshalb eine etwas ungewöhnliche Situation für den Einsatz einer Orthese, die normalerweise den Heilungsverlauf bei Sprunggelenkverletzungen begleitet und so lange getragen wird, bis die Verletzung ausreichend verheilt ist und die Strukturen am Sprunggelenk die nötige Stabilität gewährleisten.

Die Sportlerin hatte zuvor verschiedene konfektionierte Orthesen ausprobiert, kam aber mit keiner wirklich zurecht. Neben der mangelnden Stabilität über die gesamte Schrittabwicklung gab es immer Probleme mit Druckstellen.

Die biomechanischen Auswirkungen des erlittenen Traumas zeigen sich in einer deutlichen Instabilität des oberen und unteren Sprunggelenks. Die starken und uneingeschränkt wirkenden muskulären Kräfte ziehen den Fuß in Richtung Spitzfuß und Supination und bewirken eine muskuläre Dysbalance. Durch den bestehenden Hohlfuß verstärkt sich die Vorfußfehlstellung in Plantarflexion, Adduktion und Supination. Auf dem Video bestätigt sich ein leichter Talusvorschub beim Rennen.

Überlegungen zum Hilfsmittel

Die beschriebene Situation verlangt nach einem Hilfsmittel, welches die Instabilität in der gesamten Belastungsphase gewährleistet, also vom Aufsetzen bis zur Abstoßphase. Es darf nicht zu starr gebaut sein, um einen möglichst großen Bewegungsradius, auch eine gewisse Torsion, zuzulassen. Die Flexibilität ist auch deshalb wichtig, weil sich sonst die Belastungen aus dem Sprunggelenk auf das nachgelagerte Kniegelenk verlagern würden. Nur den Rückfuß beim Auftreten zu stabilisieren reicht nicht – beim Lastwechsel auf den Vorfuß ist eine Stabilisation der Supinations- und Plantarbewegung erforderlich. Um die diversen Bewegungsachsen in der Biomechanik einzugrenzen, entscheiden wir, eine Sprunggelenkorthese mit integrierter Fußbettung herzustellen.

Die Fertigung des Hilfsmittels

Über den Leisten ziehen wir als erstes die Fußbettung auf, diese soll im Hilfsmittel perfekt integriert sein. Sie spielt eine wichtige Rolle für die Funktion der Orthese. Die Bettung ist relativ hart gearbeitet – nicht weicher als 40 Shore – und individuell auf die Orthese abgestimmt und angepasst. Sie verfügt über eine leichte Fersenfassung und ist lateral für die Stützwirkung mit härterem Material gearbeitet. Im Vorfußbereich ist eine leichte Pronation eingearbeitet, die in der Abstoßphase verhindern soll, dass der Fuß in eine Supinationsstellung gerät, die zu einem erneuten Umknicken führen könnte. Alleine diese Eigenschaft macht die maßgefertigte Orthese den konfektionierten Hilfsmitteln gegenüber überlegen.

Wir verwenden einen polsternden und schweißresistenten Futterstoff, der in einem definierten Bereich der Bettung vertieft eingelassen wird.

Die Orthese ist in mehreren Schichten aufgebaut. Grundlage ist eine Schicht aus thermoplastischem Material (Crocith), das als U-förmige Schale um das Sprunggelenk angeformt wurde. Dabei wurde besonders darauf geachtet, den Außenknöchel anzuformen, so dass die Schale gut anliegt und das Gelenk stabilisiert, ohne zu drücken. Auf diese Schale verkleben wir die Verstärkungsstoffe in abgestuften und lokal stabileren Schichten. So wurde im lateralen Bereich die Schale zusätzlich verstärkt, um maximale Stabilität und Schutz gegen ein Umknicken zu bieten.

Diese Konstruktion wurde in einen Schaft aus wasserresistenten Materialien eingebaut. Im Schnürbereich der Orthese wird ein resistentes, beschichtetes Gewebe (schwarzer Planenstoff, zu sehen in Abb. 3 und 4) integriert. In diesem Bereich werden im späteren Arbeitsschritt die Ösen verankert (wir verwenden keine Haken, um das Risiko von Verletzungen beim Sport zu vermeiden). Das Schaftmaterial bildet ein leichtes, atmungsaktives Distanzgewirke. Die stabilen, über die Malleolen führenden Versteifungsstoffe werden in Kunstleder gefasst. Die Möglichkeit der individuellen Schnürung verbessert die Passform und die Stabilität sowie den Tragekomfort. Die gepolsterte Lasche im Bereich der Schnürung schützt dabei vor Druckstellen und sorgt für zusätzliche Stabilität.

Foto: Marc-André Villiger
8 Die Video-Analyse zeigt die verbesserte Stabilität im Sprunggelenk beim Einbeinstand, die durch das Hilfsmittel erzielt werden konnte.

Anprobe und Nachkontrolle

Schon bei der Anprobe bestätigt sich, dass die Maßanfertigung keine Druckschmerzen im empfindlichen lateralen Bereich des Bandabrisses verursacht. Das Hilfsmittel integriert sich bestens in die Hallenschuhe. Auch hier erstellen wir wieder eine Videoaufnahme, um überprüfen zu können, ob die Stabilität in allen Belastungsphasen gewährleistet ist. Das subjektive stabile Gefühl der Sportlerin bestätigt sich mit den Aufnahmen.

Die Wahl der Kombination von Sporteinlage und Sportorthese hat sich in diesem Fall bewährt. Auch nach längerem Einsatz des Hilfsmittels bleibt die signifikante Verbesserung der Stabilität.

Fazit

Das Hilfsmittel erlaubt es der ambitionierten Sportlerin, ihr in Kraft und Bewegung anspruchsvolles Handballspiel uneingeschränkt zu betreiben. Sie bleibt unter medizinischer Kontrolle, der betreuende Arzt kann nun mit der Betroffenen den richtigen Zeitpunkt für den operativen Eingriff festlegen.

MARC-ANDRÉ VILLIGER

Anschrift des Verfassers:
Marc-André Villiger
Pro Pede AG
Tiliastrasse 5
5603 Staufen
Schweiz

Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
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