Folgen Sie uns
4. Juli 2019
Redaktion
Valenser Schiene

Dynamische Fuß-Führungsschiene bei Halbseitenlähmung

Die Valenser Schiene kann als Grundlage für eine erfolgversprechende Gehschulung von Schlaganfallbetroffenen mit Halbseitenlähmung angesehen werden. Vorgestellt wird ein Versorgungskonzept, das sich besonders bewährt hat und die Voraussetzungen für die konstruktive Steuerung des Therapieverlaufes schafft.
Foto: Zech
Schränken der Wadenschelle

Gehen ist ein selbstständiger Vorgang, den wir als Kind erlernen. Als gesunder Mensch machen wir uns wenig Gedanken darüber. Welche Mühe und Konzentration erfordert jedoch dieser sonst so selbstverständliche Bewegungsablauf, wenn zum Beispiel eine Körperhälfte durch einen Schlaganfall betroffen ist. Der willentliche Impuls, einstmals Gelerntes einzusetzen, mag nicht funktionieren, auch die motorische Leistung ist verlorengegangen. Der Fuß „klebt“ am Boden, die Schwungbeinphase lässt sich nicht einleiten. Die Wahrnehmung des Beines ist gestört.

Gelingt es, das Bein nach vorne zu setzen, besteht die Gefahr des Stolperns. Die Richtung, die der Fuß nimmt, ist unkontrolliert. Der Fuß hat die Aufgabe, komplexe Bewegungsabläufe wahrzunehmen und die Fortbewegung und die Aufrechthaltung des Körpers zu gewährleisten. Diese vielfältigen, insbesondere sensorischen Aufgaben können nachhaltig durch zentrale Störungen, wie sie nach einem Schlaganfall auftreten, beeinträchtigt sein.

Zentrale Störungen

Sensible Ausfälle

Zentrale Störungen äußern sich in sensiblen Ausfällen, insbesondere auch der Raum-Lage-Wahrnehmung (Tiefensensibilität) und Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühl (Oberflächensensibilität).

Motorische Ausfälle

Durch motorische Ausfälle kann es zu folgenden mechanischen Fehlstellungen kommen:

  • Varus-Stellung des Calcaneus,
  • supinatorische Fehlstellung des Vorfußes gegenüber dem Rückfuß,
  • verstärkte Spitzfußstellung,
  • fehlende aktive Dorsalextension.

Um verloren gegangene Bewegungsmuster wiederzufinden, beziehungsweise neu zu formen, muss der Betroffene den Willen haben, Neues zu lernen. Zudem ist eine intensive krankengymnastische Therapie erforderlich. Die frühzeitige krankengymnastische Behandlung und die Unterstützung durch richtig eingesetzte Hilfsmittel ist für einen erfolgreichen Therapieverlauf von großer Bedeutung. Unser Ansatz zielt darauf ab, mögliche Bewegungen freizugeben, ohne vorhandene Bewegungen einzuschränken.

Schuh und Schiene

Welche Voraussetzungen sollte der Schuh mitbringen?

Der Schuh, mit dem der Patient seine ersten Gehversuche macht, muss in der Lage sein, die der Schwerkraft entgegenwirkenden Kräfte auf die Stellung des Fußes und die physiologischen Bewegungsabläufe zu bündeln. Folgende Voraussetzungen sollten erfüllt sein:

  • Eine breite Standfläche, die ein Umknicken des Fußes nach außen vermeidet.
  • Eine gute Fersenführung, damit die neutrale Stellung des Fersenbeins gehalten wird.
  • Ein flacher Absatz, der die Stabilität im oberen Sprunggelenk erhöht, und der physiologischen Stellung gerecht wird (Spitzfußvermeidung).
  • Ein leichter Abrollabsatz, damit bei ataktischen Bewegungsmustern eine Orientierung des Fußes in seiner Abwicklungsrichtung vorgegeben ist.
  • Eine variabel austauschbare Fußbettung, um einerseits unterschiedliche Schwellungssituationen zu berücksichtigen und zum anderen das Einlegen einer propriozeptiv wirkenden Fußbettung zu ermöglichen.
  • Eine funktionelle Verschlusstechnik (Klettverschlüsse) für den Ein-Hand-Gebrauch. Bei vorhandenen, geeigneten Schuhen des Patienten bringen wir diese nachträglich an.
  • Die Sohlenbeschaffenheit muss den Gegebenheiten angepasst sein. Die Sohle sollte im Vorfußbereich glatt sein, um ein Hängenbleiben in der Schwungphase zu vermeiden, in der Auftrittsfläche stumpf, um einen sicheren Stand zu gewährleisten.
  • Der Schuh muss gut passen, weich gearbeitet sein und trotzdem die notwendige Festigkeit bieten.
  • Der Schuh sollte leicht sein und optischen Ansprüchen gerecht werden, damit er als Bekleidungsstück akzeptiert werden kann.

Der Schuh ist die Basis, auf der sich die weiteren Bewegungsmuster aufbauen.

Wie sollte die Schiene konstruiert sein?

Die fehlenden Bewegungen im unteren und oberen Sprunggelenk werden durch unsere Schiene ausgeglichen. Die Schiene gewährleistet durch die Ansätze am Schuh, beziehungsweise am Bein, eine plantigrade Ausrichtung der Schuhsohle zur Auftrittsebene. Sie verhindert die supinatorische Aufbiegung des Vorfußes (Eversion).
Das Konstruktionsprinzip der Schiene folgt der Bewegung im oberen Sprunggelenk und lässt eine uneingeschränkte Dorsalextension des Fußes zu. Die Plantarflexion ist kontrolliert und in ihrer Bewegung begrenzbar.

Foto: Zech
Rohbau der Versorgung

Durch die Vorspannung einer Feder im Drehgelenk der Schiene wird der Ansatz zur aktiven Extension (Heben des Fußes) ausgelöst. Eine Manschette, die der Lederfarbe des Schuhes angeglichen ist, gewährleistet zum einen, dass die Schiene sehr eng am Bein verlaufend ausgerichtet bleibt und zum anderen, dass die physiologische Stellung des Fersenbeins gehalten wird. Den oberen Abschluss der Schiene bildet eine den Unterschenkel umgreifende Schelle, die mit hautfreundlichem Leder gepolstert ist.

Foto: Zech
Erste Schritte mit der Valenser Schiene

Die Schiene verläuft an der Innenseite des Unterschenkels und fällt somit kaum auf. Sie ist filigran gearbeitet und erfährt mit ihren Oberflächen aus poliertem Edelstahl und ihrem geringen Gewicht eine hohe Akzeptanz beim Träger.

Die richtige Schiene im therapeutischen Ansatz

Immer wieder wird die Frage der orthopädischen Schienenversorgung in der Schlaganfallrehabilitation diskutiert. Die Entscheidung für eine Schiene schließt in keinem Fall eine therapeutische Intervention aus. Eher sollte die gezielte Kombination von Krankengymnastik und Schiene zum richtigen Zeitpunkt im Mittelpunkt der Diskussion stehen.

Foto: Zech
Das Absetzen der Schiene bei erfolgreicher Rehabilitation ist jederzeit möglich, ohne die Trageeigenschaften der Schuhe zu beeinflussen

Im Alltag hat sich die dynamische Fuß- und Führungsschiene bewährt. Keine andere Schiene ist in der Lage, eine hemiparetische Störung so effizient zu kompensieren und gleichzeitig Restfunktionen zu lenken. Sie hat einen positiven Einfluss auf den gesamten Bewegungsablauf des Gehens durch:

  • Deutliche Fersenbelastung durch Korrektur der Spitzfußstellung;
  • Stabilisierung der extensorischen Beckenstellung in der Standbeinphase durch die Hemmung der pathologischen Fußstellung von distal;
  • Gleichmäßigere Belastungsphasen durch Gewichtsübernahme auf der betroffenen Seite;
  • Stabilisierende Hemmung über den Fuß in der Spielbeinphase;
  • Nutzung der vorhandenen Fußaktivitäten durch Anpassung der Schiene an die Abrollphase (kein starres Gefüge);
  • Erhöhung der Ganggeschwindigkeit.

Um die Plastizität des Gehirns auszunutzen, neue Bewegungen anzubahnen, ist es notwendig, die Bewegungsabläufe ständig zu wiederholen. Stehen Gelenkflächen richtig zueinander, ist eine Aktivierung der Propriozeptoren auch außerhalb, nach der Therapie im selbstständigen Lauftraining möglich. Einer Schienenversorgung muss eine genaue therapeutische Befundung des Gangbildes vorausgehen. Vorzugsweise ist die hypotone Kette zu versorgen, die sich in insuffizienter Dorsalextension und Supination des Fußes, eingeschränkter Kniekontrolle und mangelnder Extension des Beckens, gepaart mit Restfunktionen manifestiert. Eine Versorgung der ausgeprägten Streckspastik sollte individuell betrachtet werden.

Selbst wenn bei schwerster Betroffenheit selbstständiges Gehen nicht möglich ist, kann die Schiene ihre stabilisierende Wirkung auf das Sprunggelenk beim passiven Transfer zum Tragen bringen. Schmerzhafte Überdehnungen der Außenbänder können so vermieden werden. Starre orthopädische Versorgungen folgen nicht der Bewegung des Fußes und verursachen durch fehlende Anpassung Druckbeschwerden (unnatürlicher oder fehlender Dreh- bzw. Beugepunkt). Das Absetzen der Schiene bei erfolgreicher Rehabilita­tion ist jederzeit möglich, ohne die Trage­eigenschaften der Schuhe zu beeinflussen.

Anschrift für die Verfasser:
Philip Zech
Hartmann Schuhhaus Orthopädie GmbH
Pichelsdorfer Straße 132
13595 Berlin

 

 

Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
Zurück
Speichern
Nach oben