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4. September 2023
Christina Baumgartner
Azubi mit 50

Endlich im richtigen Beruf

Katrin Voigt startete mit 50 Jahren ihre Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin – ein Schritt, den sie nicht bereut hat. Für Betriebe mit Nachwuchssorgen hat die Gesellin einen Tipp.
Foto: Säge Graphics/Marcus A. Przyklenk
Katrin Voigt mit ihrem Chef, Orthopädieschuhmachermeister Marcus Kölle. Er ermunterte sie, die Ausbildung zur OSM in seinem Betrieb in Bietigheim-Bissingen zu beginnen.

„Tausend Fragen“ habe sie vor Beginn ihrer Ausbildung im Kopf gehabt, erzählt Katrin Voigt. Werde ich in der Schule akzeptiert? Oder bin ich dort ein Außenseiter? Halte ich das überhaupt aus, mit all den jungen Leuten dort zu sitzen? Eine ganze Menge Fragen – das haben sicherlich die meisten Azubis vor Start ihrer Ausbildung. Für Katrin Voigt aber war die Situation nochmals eine andere. Sie war bereits 50, als sie ihre Ausbildung zur Orthopädieschuhmacherin bei Kölle-Orthopädie-Schuhe-Technik in Bietigheim-Bissingen begann. Nach der Schule hatte Katrin Voigt zunächst eine Ausbildung zur Fachkraft Elektrotechnik gemacht, dann zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet: „Das war mir aber zu langweilig und zu eintönig.“ Es folgte ein Fachschulstudium im Bereich Keramik mit Ingenieurabschluss. „Beides waren keine Wunschberufe“, sagt die 56-Jährige, die in der DDR aufgewachsen ist und dort auch ihre ersten beiden Ausbildungen absolviert hat.

Der Weg in die Orthopädieschuhtechnik

Nach der Geburt ihrer drei Kinder folgte schließlich eine lange Pause vom Berufsleben mit mehreren Wohnortwechseln. Im Jahr 2012 – Katrin Voigt lebte inzwischen im baden-württembergischen Vaihingen und der jüngste Sohn war gerade in die Schule gekommen – fiel ihr eine Zeitungsannonce in die Hände. „Ein Orthopädieschuhmacher mit einem ganz kleinen Betrieb in einem Nachbarort hat explizit nach einer Wiedereinsteigerin gesucht, die handwerkliches Geschick mitbringt und eine ausführliche Einarbeitung versprochen. So kam ich zu diesem Beruf“, erinnert sich Katrin Voigt. Ziemlich bald habe sie gewusst: „Das ist das, was ich zukünftig machen möchte“. Nachdem sie dort dreieinhalb Jahre gearbeitet hatte, entdeckte sie schließlich die Stellenzeige ihres späteren Ausbildungsbetriebes. „Das war purer Zufall“, erzählt Katrin Voigt. Der Betrieb suchte einen Mitarbeiter für alle Arbeiten in der Orthopädieschuhtechnik.

Sie bewarb sich, wurde genommen und arbeitete dort zunächst ein Jahr ohne Ausbildung. In dieser Zeit sei dann auch die Idee entstanden, einen Abschluss in diesem Beruf zu machen: „Ich war unzufrieden mit dem Flickenteppich aus Halbwissen, den ich zu diesem Zeitpunkt hatte und wollte ein fundiertes fachliches Hintergrundwissen bekommen.“ Ihr Chef, Orthopädieschuhmacher-Meister Marcus Kölle, habe ihr dann vorgeschlagen, die Ausbildung auf normalem Wege, mit Besuch der Berufsschule, zu absolvieren. „Soll ich das mit 50 wirklich noch machen?“ – diese Frage konnte Katrin Voigt nach ein paar Tagen Bedenkzeit für sich mit „Ja“ beantworten. Ihrem Chef sei sie sehr dankbar für dieses Angebot.

Foto: Innung für Orthopädieschuhtechnik Baden-Württemberg
Auf der Hauptversammlung der Innung für Orthopädieschuhtechnik Baden-Württember in Sindelfingen wurde Katrin Voigt (3. v. r.) für ihre Gesellenprüfung, die sie mit der Note 1,4 abgeschlossen hat, mit dem Walter-Heintel-Förderpreis 2021 ausgezeichnet.

„Das war eine geniale Zeit“

Für den schulischen Teil der Ausbildung besuchte sie die Kerschensteinerschule in Stuttgart. Dort lösten sich dann ihre anfänglichen Fragen und Bedenken schnell vollständig in Luft auf. „Ich bin am ersten Tag mit ziemlich weichen Knien hingegangen und keine meiner Befürchtungen hat sich bestätigt“, sagt Katrin Voigt. „Es war eine super Atmosphäre, alle waren total nett und gelernt habe ich schon immer gerne. Das war eine geniale Zeit – ich habe das sehr genossen, das war einer der schönsten Lebensabschnitte für mich.“ In der Klasse seien auch etliche Mitschüler gewesen, die nicht direkt nach der Schule die Ausbildung begonnen hatten und damit auch schon etwas älter waren. „Ein Drittel war über 30, ein weiteres Drittel zwischen 20 und 30. Es gab sogar eine weitere Auszubildende in meinem Alter“, erzählt Katrin Voigt. Auch sei sie oft um Rat gefragt und um Hilfe gebeten worden, besonders beim praktischen Arbeiten in der Werkstatt, da sie ja zu diesem Zeitpunkt bereits über mehrere Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt hatte.

Stressig waren die Phasen des Blockunterrichts, berichtet Katrin Voigt: „Während meine Mitschüler ins Wohnheim gegangen sind und dann gelernt haben und Präsentationen vorbereitet haben, musste ich ja Familie und Haushalt auch noch unter einen Hut bringen“. Der Zeitfaktor sei die größte Herausforderung gewesen, das Lernen hingegen habe ihr keine Probleme bereitet. Dafür bringt eine späte Ausbildung aber auch jede Menge Vorteile mit sich, gibt die 56-Jährige zu bedenken: „Man hat in diesem Alter einen anderen Blickwinkel auf vieles, mehr Lebenserfahrung, Allgemeinbildung, eine ganz andere innere Haltung und Motivation, und ist besser organisiert“.

Foto: Gunnar Voigt
Katrin Voigt mit ihrem Gesellenstück.

Flexibilität ist gefragt

Ihre Lehre hat Katrin Voigt als normale Vollzeitausbildung absolviert. „Ich hatte das Glück, dass mein Ehemann das ganze finanziell unterstützt hat“, sagt die OSM. Grundsätzlich würde sie raten, den Arbeitgeber offen auf das Thema Finanzen und das Lehrlingsgehalt anzusprechen. „Man arbeitet ja als Erwachsener auch anders als ein 17-Jähiger, man braucht deutlich weniger Betreuung, auch am Anfang und als Einsteiger, da wird sich sicherlich bei den meisten eine Lösung finden lassen“, meint die Gesellin. Bewerber könnten zunächst auch ein Praktikum anbieten, rät sie. „So ist es möglich, sich kennenzulernen und der Arbeitgeber hat die Chance, einzuschätzen, ob das klappen kann oder nicht. Das wäre auch ein Tipp für Betriebe, die Probleme haben, Mitarbeiter oder Auszubildenden zu finden – hier ist Flexibilität gefragt.“

„Eine schöne Mischung“

Bei Kölle-Orthopädie-Schuhe-Technik ist Katrin Voigt hauptsächlich in der Werkstatt tätig. „Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, denn ich arbeite sehr gerne handwerklich“, sagt sie. „Dieser Beruf bietet eine schöne Mischung – man hat die handwerkliche Tätigkeit, kann kreativ sein und braucht medizinisches Hintergrundwissen. Wenn man einen Maßschuh für einen Patienten mit einem besonders schweren Krankheitsbild macht und dann sieht, dass der Patient damit besser laufen kann – das sind die schönsten Momente.“ Ihre eigene Ausbildung noch in greifbarer Nähe, macht Katrin Voigt auch die Arbeit mit dem Nachwuchs im Betrieb großen Spaß – inzwischen konnte sie bereits einen weiteren Lehrling mitausbilden.

Foto: Marcus Kölle
Mit dem derzeitigen Lehrling Christoph Leopold beim Zwicken: Die Ausbildung des Nachwuchses macht der 56-Jährigen besonders viel Freude.
Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
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