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29. Juni 2023
Annette Switala
Neue Studiengänge an der TU Kaiserslautern

Gesundheit – mit Schwerpunkt Haltungs- und Bewegungsanalyse

2018 gingen zwei neue Studiengänge an der TU Kaiserslautern an den Start: „Lehramt Gesundheit“ und „Sportwissenschaft und Gesundheit“. Aufgebaut haben sie Prof. Michael Fröhlich und Dr. Oliver Ludwig – die dafür gesorgt haben, dass die Haltungs- und Bewegungsanalyse dort einen hohen Stellenwert bekommt.
Foto: RPTU
Im Kurs "Funktionelle Anatomie" lernen die Studierenden, Muskeln zu ertasten, ihre Funktion zu verstehen und auf der Haut zu markieren.

Besonders als Autor des Buches „Ganganalyse in der Praxis“ und als Referent ist Dr. Oliver Ludwig in der Orthopädieschuhtechnik-Branche bekannt und hochgeschätzt. An der Technischen Universität Kaiserslautern, seit Januar Rheinland-Pfälzische Technische Universität (RPTU), hat der Experte für Haltungs- und Bewegungsanalyse in den letzten Jahren zwei neue Studiengänge mitkonzipiert: „Lehramt Gesundheit“ sowie „Sportwissenschaft und Gesundheit“ – den ersten leitet er seither selbst.

Mit dem Aufbau des Bachelor- und Masterstudiengangs „Lehramt Gesundheit“ reagierten Rheinland-Pfalz und die Technische Universität, die zu den größten in Deutschland zählt, auf einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, demzufolge das Fach „Gesundheit“ an berufsbildenden Schulen nur noch von speziell ausgebildeten Fachlehrern unterrichtet werden darf.

„Das macht auch Sinn“, erklärt uns Dr. Oliver Ludwig bei unserem Besuch an der RPTU in Kaiserslautern. „Das Fach Gesundheit umfasst an den berufsbildenden Schulen medizinische und sozialwissenschaftliche Inhalte, Kenntnisse über das Gesundheitssystem und vieles mehr – da muss man als Lehrer ein breites Spektrum abbilden.“

30 Studierende werden pro Semester in dem Studiengang aufgenommen. „Die Nachfrage ist hoch“, sagt Dr. Ludwig, „deshalb ist der Zugang durch einen Numerus clausus geregelt, der derzeit etwa bei 2,5 liegt.“ Wer sich bewirbt, sollte Interesse an Themen der Biologie und Medizin haben. Sportliche Fertigkeiten sind keine Voraussetzungen, doch sollte man bereit dazu sein, gesundheitsrelevante Tests und Übungen an sich selbst und anderen Studierenden durchzuführen.

Die Studierenden erwartet ein Bachelor- und Masterstudiengang (Regelstudienzeit 5 Jahre), danach ein 52-wöchiges Berufspraktikum, das aber in Teilen schon während des Studiums absolviert werden kann. Dann geht es ins Referendariat. Wer nicht Lehrer werden möchte, hat mit dem Studiengang aber auch die Möglichkeit, später andere berufliche Tätigkeiten im Gesundheitssystem zu ergreifen – etwa in Unternehmen, Krankenkassen oder im freien Gesundheitsmarkt.

Foto: RPTU
Dr. Oliver Ludwig bringt EMG-Elektroden an einem Leistungssportler an, mit denen die Muskelaktivität während des Laufens registriert werden kann.

Haltungs- und Bewegungsanalyse inbegriffen

Bereits 2017 wurde Oliver Ludwig von Prof. Michael Fröhlich, Universitätsprofessor für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Bewegungs- und Trainingswissenschaft an der RPTU Kaiserslautern, in die Kommission berufen, die die Lehrinhalte für den neuen Studiengang ausarbeiten sollte. Damals war der Humanbiologe noch im Sanitätshaus Zender, Saarbrücken, in der Bewegungsanalyse und orthopädieschuhtechnischen Versorgung tätig und hatte einen Lehrauftrag an der Universität des Saarlandes. Die Mitarbeit in der Kommission führte zu einem neuen Schritt in seinem Berufsleben: Ludwig wechselte an die TU Kaiserslautern und wurde dort mit dem Aufbau der Studiengänge „Lehramt Gesundheit“ und „Sportwissenschaft und Gesundheit“ betraut.

„Prof. Fröhlich und ich konnten die Inhalte der Studiengänge wesentlich mitgestalten – und wir wollten natürlich das einbringen, was wir gern und gut machen“, blickt Ludwig zurück. So ist es den beiden zu verdanken, dass beide Studiengänge in Kaiserslautern die Haltungs- und Bewegungsanalyse als einen Schwerpunkt erhielten.

Hervorragende Laborausstattung

Die Studierenden absolvieren unter anderem einen Kurs in Haltungs- und Bewegungsanalyse sowie einen in funktioneller Anatomie. Darüber hinaus können sie in ihren Bachelor- und Masterarbeiten und in Forschungsprojekten auf die umfangreiche Ausstattung der Technischen Universität zurückgreifen. Drei Labore stehen den Studiengängen der Sportwissenschaft, zu denen neben dem Lehramt Gesundheit und „Sportwissenschaft und Gesundheit“ auch das Lehramt Sport gehört, zur Verfügung. Zwei der Labore befinden sich im Gebäude selbst, eines im benachbarten Heinrich-Heine-Gymnasium, einer Eliteschule des Sports. Dort führen die Studierenden mit ihren Dozenten zum Beispiel Laktat- und Atemgasanalysen mit den jungen Sportlern durch. Über entsprechende Sensoren können sie während der sportlichen Bewegung sogar die Sauerstoffsättigung der Muskeln messen und über eine medizinische Thermokamera die Änderung der Hautdurchblutung.

Foto: RPTU
Mittels eines lichtoptischen Scanners können Haltungsabweichungen im Millimeterbereich erfasst werden. Die Arbeitsgruppe von Dr. Ludwig hat eine umfangreiche Normwertdatenbank erstellt, mit der die Haltung in allen Altersgruppen bewertet werden kann.

Für die Haltungsanalyse ist das Labor mit zwei 3D-Haltungsscannern bestens ausgerüstet. Mit dem Posturomed steht auch ein sensomotorisches Trainings- und Analysesystem zur Verfügung. In der Bewegungsanalyse verfügen die Labore neben Laufbändern über eine Bertec-Kraftmessplatte, Plattensysteme für die Druckverteilungsmessung von Zebris und Messsohlen von Medilogic. Für die 3D-Bewegungsanalyse stehen ein Qualisys-System mit acht Kameras sowie ein mobil einsetzbares Inertialsensor-System von Xsens bereit.

Im Labor besteht auch die Möglichkeit, ein 8-Kanal-Funk-EMG einzusetzen, sodass zusätzlich untersucht werden kann, welche Muskeln bei der Bewegung aktiv sind. „Das lässt sich hervorragend für die Analyse von Bewegungen und den ihnen zugrunde liegenden Muskelaktivitäten nutzen“, so Dr. Ludwig.

Foto: RPTU
Eine Thermokamera zeigt, wie die Temperatur auf der Hautoberfläche verteilt ist. Damit können die Forscher Rückschlüsse auf Fehldurchblutungen und muskuläre Probleme ziehen.

Studien zu sensomotorischen Einlagen

Einer, der das vorhat, ist Dr. Stephan Becker. Er leitet den Studiengang „Sportwissenschaft und Gesundheit“ und möchte an der RPTU habilitieren. „Für die Orthopädieschuhtechnik werden das sehr interessante Studien werden“, verspricht Dr. Oliver Ludwig.

„Mich interessieren vor allem sensomotorische Einlagen“, erklärt Becker, „ich möchte zum Beispiel untersuchen, ob man im EMG sehen kann, inwieweit sie auf die Muskulatur wirken.“ Dabei möchte er die verschiedenen Elemente der Einlage in den Blick nehmen – und herausfinden, was zum Beispiel ein Zehensteg am Wadenmuskel bewirkt. Ein Einlagenhersteller wird dafür Einlagen in verschiedenen, von Becker vorgegebenen Ausführungen zur Verfügung stellen – mit verschiedenen Spots, die jeweils in zwei unterschiedlichen Höhen gefertigt werden. Außerdem soll es eine „Placebo“-Einlage ohne Spots für die Probanden geben. Jeder Proband soll jede Ausführung tragen, um erkennen zu können, ob die Probanden gleich oder unterschiedlich auf die verschiedenen Versionen ansprechen.

Becker interessiert auch der Vergleich zwischen herkömmlichen, rein biomechanisch wirkenden und sensomotorischen Einlagen. Gibt es Unterschiede in den Extremitätenwinkeln oder in den Auswirkungen auf die Aktivität der Fuß- und Beinmuskeln? Sind die Wirkungen, welche die auf dem Markt befindlichen Einlagenkonzepte versprechen, tatsächlich messbar?

Schon jetzt hat Becker, gemeinsam mit Prof. Jens Kelm, Orthopädieprofessor des Universitätsklinikums des Saarlandes, mit ersten Untersuchungen an Patienten, die unter Achillessehnenbeschwerden leiden, begonnen.

Foto: RPTU
Kraftdiagnostik mit dem Isomed 2000.
Genaue Kraftdiagnostik
Bewegungsanalyse mit einem Leistungsfußballer, zu erkennen ist eine Instabilität des Beckens in der Einbeinstandphase.

Unabhängigkeit von der Industrie

Probanden zu gewinnen ist an der RPTU in Kaiserslautern normalerweise kein Problem. Die Studierenden müssen jeweils eine bestimmte Anzahl an Stunden als Probanden durchlaufen und erhalten Credit Points dafür. Studien zu Einlagen, Haltung und Bewegung empfinden sie oft als etwas, von dem sie profitieren können. Probanden, die bestimmte Pathologien aufweisen, sind über ein Netzwerk kooperierender Ärzte zu bekommen.

Von der Industrie möchten Dr. Ludwig und seine Kollegen in der Forschung unabhängig bleiben. „Wir möchten die Freiheit haben, alle Ergebnisse zu publizieren, die in einer Studie herauskommen – auch, wenn sie besagen, dass eine Intervention nicht wirksam ist“, erklärt Dr. Ludwig. Wenn in einer Studie Einlagen untersucht werden, kauft der Fachbereich sie entweder selbst oder lässt sich vom Einlagenhersteller lediglich die Einlagen kostenlos fertigen und versichern, dass alle Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen.

Sportwissenschaft und Gesundheitshandwerk stärker vernetzen

Dr. Oliver Ludwig, der eine Sonderzulassung für das Orthopädieschuhtechnik-Handwerk besitzt und über einen reichen Erfahrungsschatz aus seiner zurückliegenden Tätigkeit bei Zender verfügt, ist es besonders wichtig, dass die Wissenschaft den Schulterschluss mit den technischen Handwerksberufen, hier mit der Orthopädieschuhtechnik und Orthopädietechnik, sucht. „Wenn ich mir die Studienlage anschaue, dann fehlt da oft der Anwendungsbezug. Ich finde es wichtig, dass wir die wissenschaftliche Ausrichtung mit dem handwerklichen Bedarf und der medizinischen Notwendigkeit zusammenbekommen“, betont er.

„Die Kunst ist, dass wir das Forschungsinteresse, das wir hier an der Uni haben, mit der Lehre verbinden – und dass wir bei den Studierenden ganz früh auch ein Interesse für das wecken, was die Orthopädieschuhtechnik braucht. Wenn uns das gelingt, dann haben wir in der Zukunft auch Menschen, die in diesem Bereich arbeiten – und die Wirkungsnachweise schaffen können für die Hilfsmittel der Orthopädieschuhtechnik. Oder die selbst Laufanalysen machen können und sehen, woran es beim Gangbild des Patienten hakt“.

Einen ganz anderen Weg – nämlich bereits in der Sport- und Gesundheitsbranche Tätige im Bereich der Analyse fortzubilden – eröffnet die RPTU ab 2024.

Dann nämlich startet ein berufsbegleitender Master-Fernstudiengang mit der Ausrichtung „Sport- und Gesundheitstechnologie“. Hier wird dann neben online vermitteltem Wissen unter anderem auch die biomechanische Analyse in Wochenend-Praxiskursen gelehrt. Auch Orthopädieschuhtechniker und -technikerinnen mit Berufserfahrung haben die Möglichkeit, sich hier weiterzuqualifizieren.

Praktika in OST-Betrieben

Oliver Ludwig vermittelt Studierenden auch gern Praktika in Sanitätshäusern oder Orthopädieschuhtechnik-Betrieben, die Haltungs- und Laufanalysen anbieten. „Ich finde es wichtig, dass die Studierenden dabei auch lernen, welche Anforderungen die besonderen Aufgaben dieses Berufs haben – und das damit verbundene handwerkliche Denken zu verstehen. Nur so können sie Fragestellungen und Untersuchungsinteressen entwickeln, die im Handwerk dann auch wirklich gebraucht werden.“

Umgekehrt ist Dr. Ludwig davon überzeugt, dass Absolventen der Sportwissenschaft und Gesundheit vielen Betrieben von Nutzen sein können, welche die Bewegungsanalyse bereits anbieten oder erst noch aufbauen wollen. „Die Verflechtung von Handwerk und Technik kommt immer mehr“, ist er überzeugt, „die Betriebe haben in den letzten Jahrzehnten viel in Technik investiert.“

Allerdings hake es im Handwerk mitunter an der Analyse bzw. Auswertung – die Bewegungsanalyse-Systeme liefern eine derartige Menge an Daten und Grafiken, dass für den Anwender häufig nicht klar sei, welche Parameter tatsächlich für den jeweiligen Versorgungsfall oder die jeweilige Fragestellung relevant sind.

„Messen kann man viel – aber man muss sich die Frage stellen: Welche Technik und welche Auswertungen brauche ich in meinem Betrieb und für meine Versorgungsfälle wirklich? Letztendlich macht eine solche Messtechnik im OST-Betrieb dann Sinn, wenn sie einen Unterschied in der Versorgung, z.B. der Einlage, bewirkt“, gibt der Studiengangsleiter zu bedenken. Für Betriebsinhaber könne es durchaus von Vorteil sein, jemanden einzustellen, der die Messergebnisse entsprechend interpretieren kann – doch müsse eine solche Fachkraft auch die Sprache des Handwerks sprechen und die Belange der Orthopädieschuhtechnik verstehen, damit die Zusammenarbeit sinnvoll ist.

Da der Bedarf an Fachkräften in der Bewegungsanalyse in den Betrieben sehr hoch ist und eher wächst, sieht Ludwig für seine Studierenden sehr gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Mehrere der Absolventen sind bereits im Bereich der Bewegungsanalyse in den Unternehmen eingestellt worden, in denen sie während des Studiums Praktika gemacht hatten.

Weitere Berufsmöglichkeiten für Absolventen des Studiengangs „Sportwissenschaft und Gesundheit“ sind zum Beispiel Tätigkeiten in Reha-Kliniken und Krankenhäusern, im Betrieblichen Gesundheitsmanagement, im Leistungs- und Breitensport, Vereinen oder in der Sportindustrie.

Weitere Infos zu den Studiengängen

 

Gesundheit Lehramt (B.Ed., M.Ed.): Dr. Oliver Ludwig,
E-Mail: oliver.ludwig@rptu.de

Sportwissenschaft und Gesundheit (B.Sc.): Dr. Stephan Becker,
E-Mail: stephan.becker@rptu.de

Sport- und Gesundheitstechnologie (M.Sc.): M.Sc. Eva Bartaguiz,
E-Mail: eva.bartaguiz@rptu.de

 

Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
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