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10. Juli 2023
Redaktion
Eurocom

Hilfsmittelhersteller bangen um Innovationsklima

„Die Lage ist ernst für eine verlässliche Patientenversorgung mit innovativen und hochwertigen Hilfsmitteln in Deutschland. Die negative Einschätzung des Innovationsklimas nimmt zu. Die Bedeutung des deutschen Marktes droht zu sinken.“ So lautet das Fazit von Eurocom-Geschäftsführerin Oda Hagemeier zu den Ergebnissen der im Mai durchgeführten Mitgliederbefragung 2023.


Grafik: Eurocom

92 Prozent der Mitglieder geben darin ihre Einschätzung zur Lage des Hilfsmittelmarktes und seiner Rahmenbedingungen in Deutschland ab.

63 Prozent der Befragten bewerten das hiesige Innovationsklima als unterdurchschnittlich. Auch, wenn Deutschland für 86 Prozent zurzeit nach wie vor der wichtigste Markt ist, sehen ihn ein Viertel der Befragten bereits in fünf Jahren nur noch auf Platz 2. Als Ursachen geben die Befragten zum einen Standortrisiken, wie bürokratische Hürden (91 Prozent), den Fachkräftemangel im eigenen Unternehmen (59 Prozent) sowie im Fachhandel/in den Handwerksbetrieben (47 Prozent) an.

Sämtliche Befragungsteilnehmer sind von langanhaltenden enormen Kostensteigerungen durch Inflation, Energiekrise und Regulatorik betroffen. Erschwerend hinzu kommt die Last uneinheitlicher Mehrwertsteuer-Sätze mit wettbewerbsverzerrender Auswirkung (87 Prozent). Darüber hinaus erweist sich auch im Jahr Drei nach Einführung des Eurocom-Branchenbarometers das Hilfsmittelverzeichnis für 68 Prozent der Befragten als Innovationsbremse, teilt die Eurocom mit.

Foto: Eurocom

Anhaltende Kostenexplosion gefährdet Versorgungssicherheit

100 Prozent der Befragungsteilnehmer sind von anhaltenden Kostensteigerungen betroffen. Ebenfalls 100 Prozent können Kostensteigerungen nach wie vor gar nicht oder nur teilweise an den Markt weitergeben. Hauptgrund dafür ist, dass Erstattungspreise in den Versorgungsverträgen langfristig festgelegt sind (73 Prozent).

Für 100 Prozent der Unternehmen heißt das: Bereits jetzt ist die Hilfsmittelherstellung unwirtschaftlicher. Dieser Negativtrend, der sich im Vergleich zum Vorjahr (89 Prozent) stärker ausprägt, hat gravierende Folgen, sollte dieser Zustand noch länger anhalten, warnt die Eurocom: 73 Prozent der Befragten befürchten eine Einschränkung ihres Portfolios, 70 Prozent den Abbau von Arbeitsplätzen im eigenen Unternehmen. Rund ein Viertel sieht darin eine Existenzbedrohung, jedes fünfte Unternehmen befürchtet einen Versorgungsengpass.

67 Prozent der Mitglieder halten daher eine Kostenabfederung für dringend notwendig. Als geeignete Maßnahmen sehen 87 Prozent die Anpassung der Vertragspreise und 93 Prozent die Anpassung der Festbeträge, jeweils um die Inflationsrate.

„Eine verlässliche Patientenversorgung zu gewährleisten, stellt für die Branche eine Herausforderung dar, mit der sie nicht alleine gelassen werden darf. Damit langfristig verlässlich produziert und versorgt werden kann, dürfen Preissteigerungen nicht einseitig zu Lasten der Hersteller und Leistungserbringer gehen. Deshalb müssen zum einen Festbeträge als sinnvolles Instrument zur Ausgabenregulierung beibehalten und jährlich – wie auch die Vertragspreise – um die Inflationsrate angepasst werden, zum anderen müssen die unterschiedlichen Mehrwertsteuer-Sätze für Hilfsmittel einheitlich gesenkt werden“, fordert Oda Hagemeier.

Innovationen schneller zugänglich machen

Der ausgeprägte Innovationswille der Hilfsmittelindustrie zeige sich auch in 2023, so die Eurcom: Sämtliche Teilnehmenden investieren in Digitalisierung, 97 Prozent in Forschung und Entwicklung – und zwar bis zu 10 Prozent des Unternehmensumsatzes, 81 Prozent in neuartige Hilfsmittel.

Dies stehe in starkem Kontrast zur Bremswirkung, die das unsichere Aufnahmeverfahren neuartiger Produkte in das Hilfsmittelverzeichnis (HMV) für eine Mehrheit der Unternehmen nach wie vor erzeuge: Darin sehen – wie schon in den Vorjahren – über 60 Prozent der Befragungsteilnehmer Risikopotenzial und bewerten dieses als größtes Innovationshemmnis. Aufnahmeanträge neuartiger Hilfsmittel wurden in den vergangenen zehn Jahren bei 57 Prozent der Befragten abgelehnt, bei 82 Prozent von ihnen betraf dies mindestens zwei Neuentwicklungen. Ablehnungen erstrecken sich bei 43 Prozent der Befragungsteilnehmer sogar auf bereits bekannte Hilfsmittel.

Oda Hagemeier erklärt: „Damit Patienten ungehinderten Zugriff auf innovative Hilfsmittel haben, muss deren Aufnahme beschleunigt werden. Denn das Hilfsmittelverzeichnis hat eine marktsteuernde Wirkung, auch wenn es sich nicht um eine Positivliste handelt. Nach wie vor brauchen wir ein standardisiertes Verfahren, insbesondere zur Anerkennung des medizinischen Nutzennachweises. Der Nachweis muss realistisch und planbar sein. Deshalb fordert die Eurocom ein obligatorisches Beratungsgespräch, das die Vereinbarungen zwischen Antragsteller und GKV-Spitzenverband klar regelt – für eine innovationsoffene und zukunftsfeste Hilfsmittelversorgung in Deutschland.“

Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
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