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1. August 2016
Redaktion

Beweglich in Bewegung bleiben

Nach dem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr zum Thema Diabetes führte die Hessing-Stiftung in Augsburg ihre Symposiumsreihe „Hessing trifft“ am 5. März unter dem Oberbegriff „Fuß und Sprunggelenk“ fort. Faszien sowie die funktionelle Diagnostik und Therapie am Sprunggelenk standen in der „Hessingburg“ dabei im Mittelpunkt.

Foto: Hessing-Stiftung

Das Bindegewebe nimmt es uns übel, wenn wir es nicht bewegen und trainieren“, erklärte die Münchner Heilpraktikerin und Körpertherapeutin Divo Müller in ihrem Vortrag. Probleme mit den Faszien resultierten häufig aus einer Unterforderung dieser Bindegewebsstruktur. Warum es so wichtig ist, dass wir unser myofasziales System in Bewegung halten, zeigte Müller nicht nur anhand aktueller Forschungsergebnisse sondern auch ganz praktisch in einer Sympo­siums­pause. Wer wollte – und viele Teilnehmer wollten – konnte gemeinsam mit ihr ein kleines Übungsprogramm zur Faszienfitness absolvieren.
Auch Dr. Jens Wippert, München, konnte viele der Teilnehmer nach seinem Vortrag zu praktischen Übungen animieren. Er stellte die Grundprinzipien der Spiraldynamik vor und zeigte, wie die dreidimensionale Verschraubung des Fußes durch Fehlbelastung und Überlas­tung gestört werden kann und welche praktischen Übungen als Gegenmaßnahmen geeignet sind. Anschließend konnten die Teilnehmer diese gleich praktisch erproben.

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Belastungen erkennen und richtig reagieren
Defizite im Bewegungsablauf erkennen und gezielt intervenieren waren auch zentrale Elemente bei anderen Referenten. So stellte Steffen Rodefeld von der „Hessingpark-Klinik – Training und Therapie“ den Functional Movement Screen vor. Dies ist eine Serie von funktionellen Tests – vor allem für Sportler –, mit denen grundlegende Bewegungsmuster untersucht werden. Das Ziel ist, Schwachstellen und falsche oder ungenaue Bewegungsausführungen zu erkennen, da diese zu Kompensationsmustern und früher oder später zu Überlastungen und Verletzungen führen. Die Auswertung der Tests gibt Hinweise, wie man durch individualisiertes Training den vorhandenen Defiziten begegnen kann. Beim Training, so Rodefeld, komme es dann nicht so sehr auf die Zahl der Wiederholungen der Übungen an, sondern darauf, dass man sie korrekt ausführt.
Mit einem Apothekerschrank verglich OSM Franz Fischer, Amberg, die Ver­sorgungsmöglichkeiten der Orthopädie­schuhtechnik. In jeder Schublade liege eine Therapie. Entscheidend sei, dass man für jeden Patienten die richtige Schublade aufziehe. Dies gelte besonders für die sensomotorische Einlagenversorgung, mit der man ja gezielt in die sensomotorischen Regelkreise der Motorik eingreifen wolle.
Gestörte Bewegungen, so Fischer, kämen häufig von gestörten Wahrnehmungen. Die Kompensation erfolge dann über ein verändertes, häufig unphysiologischeres Gangbild. Deshalb sei ein Ziel der sensomotorischen Einlagenversorgung über die gezielt gesetzten Reize die dynamische Stabilität und das aktive Gleichgewicht wieder herzustellen. An einigen Fallbeispielen zeigte Fischer, wie genau man den Gang analysieren muss, um im Apothekerschrank die richtige Schublade aufmachen zu können.
Ist der Laufschuh der Freund oder der Feind des Läufers?, fragte Prof. Wilfried Alt von der Universität Stuttgart. Den Schuh zum Freund zu machen, ist Inhalt eines Forschungsprojektes, bei dem die Verbindung zwischen Laufschuhen und Achillessehnenbeschwerden im Fokus steht. Das Ziel ist die Entwicklung eines mit mehreren Sensoren ausgestatteten Schuhs, der ­eigenständig vor Überlastungen warnt. Noch sei der Schuh eine Vision, so Alt. Probleme gibt es dabei nicht nur mit der Integration der Sensortechnik in den Schuh, sondern auch mit der Individualität der Läufer. Wie eine projektbegleitende Studie zeigte, reagieren die Läufer sehr unterschiedlich auf dieselben Interventionen am Schuh.

Spätschäden vermeiden
Über die Plantarfasziitis konnte Prof. Kars­ten Knobloch, Hannover, sowohl aus der Perspektive des Arztes als auch des ­Patienten berichten, da er selbst erst kurz zuvor dieses Problem hatte. Die Plantarfaszie, so Knobloch reagiere sensibel auf Belastungssteigerungen. Deshalb müsse man beim Sportler immer auch nach Veränderungen im  Training fragen, zum ­einen nach dem Umfang aber auch nach Tempoläufen.
In seinem Vortrag stellte Knobloch eine breite Palette an Therapieoptionen vor und wägte ihre Einsatzgebiete und Wirkungsweisen ab. Wenn er therapiert, bevorzugt er zunächst graduelles Training, zum Beispiel durch exzentrische  Übungen auf einer Treppenstufe. Die Wirkung dieser Therapie sei gut belegt, allerdings müsse man die Übungen täglich mehrmals über zwölf Wochen ausführen, damit sie nachhaltigen Erfolg bringen.
„Es gibt keine Sprinter, die postoperativ so schnell sind wie vorher“, erklärte Prof. Heinz Lohrer, Wiesbaden, in seinem Vortrag über die operativen Behandlungsstrategien der Achillessehnenruptur. Dabei sei weniger die fehlende Kraft, sondern die Kraftübertragung über die Sehne verantwortlich für den Leis­tungsverlust.
Die Achillessehnenruptur sei deshalb nicht nur bei den Läufern die häufigste Ursache für die Beendigung der Karriere nach einer Verletzung im Leistungssport. Lohrer zitierte amerikanische Studien, nach denen 32 Prozent der Footballspieler und 39 Prozent der Basketballspieler nach einer Achillessehnenruptur nicht wieder in ihren Sport zurückkehren.
Mit dem Klassiker der Sportverletzung, der Außenbandverletzung am Sprunggelenk beschäftigte sich PD Dr. Hazibullah Waizy von der Hessing-Stiftung, der gemeinsam mit OSM Jörg Aumann von der Schuhtechnik der Hessing-Stiftung für die Organisation und das Programm verantwortlich zeichnete.
Waizy legte in seinem Vortrag den Schwerpunkt auf die genaue Diagnostik und Einteilung der Schädigung von der Dehnung über die partielle Ruptur bis zur Komplettruptur. Durch die Therapie gelte es, Instabilitäten zu vermeiden, über die leider  bis zu 30 Prozent der ­Verletzten klagen. Das gelte für me­chanisch-strukturelle Instabilitäten, wie durch eine Verlängerung des Bandes oder die Unterbrechung der Kontinuität in der Bandstruktur, und  funktionelle Instabilitäten, die zum Beispiel durch eine gestörte Propriozeption hervorgerufen werden können. Dies sei vor allem im Hinblick auf posttraumatische Arthrosen eine Gefahr, auch wenn sich diese Arthrosen manchmal erst nach Jahrzehnten zeigen.
Mit der gut besuchten zweiten Veranstaltung hat sich die neue Veranstaltungsreihe der Hessing-Stiftung etabliert. Das Publikum war interdisziplinär besetzt, was der Idee des Austauschs über die verschiedenen Versorgungsansätze unter den Berufsgruppen sehr entgegenkam. Und die Veranstalter haben gezeigt, dass man bei einem Symposium nicht nur über Bewegung reden kann, sondern die Teilnehmer selbst in Bewegung versetzen kann.

Ausgabe 5/2016

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Foto: Andrey Popov/Adobe Stock
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